ausgebrannt

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ausgebrannt

Es wird viel darüber geschrieben und der Begriff ist in aller Munde. Und doch: Nachzuvollziehen, wie es sich anfühlt, ist äusserst schwierig. Der Künstler Mynt zeigt im Kulturmarkt Bilder aus einer Serie zum Thema.

Text und Bilder: Mynt

 

Stell dir vor: Du bist an einer wichtigen Arbeitsbesprechung. Alle Augen richten sich auf dich. Alle warten gespannt auf deine Ausführungen zu einem Paper, das das Resultat ist von schwierigen und aufwändigen Gesprächen mit Kunden, Vorgesetzten, Kollegen.

Deine Augen schweifen über das Blatt – Zellen, Zeilen, Spalten, rote Kästchen mit der Aufschrift «Deadline». Was bedeutet das nochmal? Diese Zahlen, sind sie Daten oder Preise? Wieviele Stunden hat nochmal ein Tag? Habe ich das überhaupt geschrieben?
Die Augen der Vorgesetzten und Kollegen werden unruhig. Dein Herz rast und das einzige, was dir durch den Kopf geht, ist: «Ich muss hier irgendwie raus!»

Wieder einmal hast du dich durch gemogelt. Wie lange das noch gut geht? Auch dass du zu spät zur Arbeit gekommen bist, weil du schon wieder den falschen Bus nahmst, hat keiner bemerkt. Der Sekundenschlaf nach dem ersten Kaffee lässt deine Gedanken zu einem Brei aus Horrorszenarien werden. «Ich schaff es nicht, vielleicht schaffe ich es, wenn nicht, dann laufe ich einfach auf die stark befahrene Kreuzung. Wie schön das wäre, kaputt gefahren im Krankenhaus, endlich schlafen.»

Eigentlich hattest du Ferien, aber es gab keine Besserung durch Ausschlafen. Die Nächte sind kurz und düster geworden. Immer öfter wachst du schweissgebadet auf, kannst nicht wieder einschlafen. Das Hamsterrad dreht sich schneller in der Nacht. Telefonanrufe, Kundentermine, der Arztbesuch deiner chronisch kranken Mutter nächste Woche, am Morgen mit dem Hund spazieren – all das rauscht an deinem inneren Auge vorüber. Ein innerer Lärm, der immer lauter wird. Unaufhörlich rauscht es, Stunden, Tage, Wochen, Jahre.

Der ganze Morgen fühlt sich wie Schlafwandeln an, unterbrochen von Wutausbrüchen, weil dein Ich von letzter Woche schon wieder einen Job voll gegen die Wand gefahren hat. Deine eigenen E-Mails lesen sich wie die Briefe eines Fremden. Dir wird klar, du hast noch nichts gemacht und es ist fast 11 Uhr vormittags. Den ganzen Morgen hast du damit zugebracht den gleichen Ordner von einem Ort zum anderen zu verschieben. Dies hat deine volle Konzentration gefordert. Total kaputt von der anstrengenden Arbeit gehst du erstmal etwas schwindelig zur Toilette. Dort angekommen beginnt dein Herz wieder zu rasen, deine Kehle schnürt sich zu, Panik breitet sich aus wie kalter Schlamm. Da war doch der Lichtschalter? «Ich falle hin und schlage hart mit dem Kopf auf. Ach, wäre das schön, dann würd ich nichts mehr spüren», denkst du. Das Licht geht an, ein Kollege betritt hastig die Toilette. Du tust so, als würdest du dir die Hände waschen, er fragt ob alles «alright» ist. «Wie zynisch kann man sein!», denkst du, nachdem du ihm zerknirscht ein «I’m fine…» entgegnet hast. Der Lichtschalter war nicht immer links neben der Tür, oder etwa doch?

Finance, 2014, mix media

 

Du schaust in den Spiegel. Eine müde, verschwitzte Gestalt blickt dich an mit ängstlich wirrem Blick. Du unterdrückst deine Tränen, für die du keinen Grund nennen kannst. Was ist bloß los, was stimmt nicht mit mir? Vielleicht hat deine Freundin recht, wenn sie sagt: «Es ist als wäre ich mit einem Geist zusammen. Das kann so nicht weitergehen!»

Deine Gedanken sind ausser Kontrolle geraten, jeder Gedanke endet bei einem einzigen Satz: ICH WILL DAS ALLES AUFHÖRT!!! Bloss wie?

Stell dir vor: So fühlt sich eine Belastungsstörung mit dazugehöriger Stressdepression an, die von einer Stressdemenz begleitet wird. Burnout. Ausgebrannt.
Die obigen Sätze illustrieren den Zeitpunkt kurz vor dem Zusammenbruch. Diese Erkrankungen sind äusserst vielschichtig und keineswegs nur mit der Psyche zu erklären. Nicht selten endet ein Burnout auch tödlich…

 

Die Ausstellung BURN OUT mit Bildern von Mynt ist bis am 27. September im Foyer des Kulturmarkts zu sehen.
Vernissage: Dienstag 22. August 2017, 17 bis 19 Uhr

2017-08-14T08:48:07+00:00
2 Kommentare

  1. Maria-Noemi 22. August 2017 um 11:39 Uhr- Antworten

    Herzlich danke für deine Offenheit, dein Erfahrungsbericht hat mich sehr berührt! Ich kann mir vorstellen, dass es Mut, Kraft und eine gereifte Persönlichkeit braucht, ein derart ehrliches und schonungsloses Zeugnis abzulegen. Danke!

    • MYNT 22. August 2017 um 13:18 Uhr- Antworten

      Ich danke Dir Maria-Noemi. Es gehört für mich dazu darüber zu sprechen und zu sensibilisieren. Dabei schaffe ich mir zugleich auch ein verstehendes Umfeld, das ist sehr wichtig um sich gute Strukturen gegen Stress aufzubauen.
      LG.

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