Die meisten von uns werden mit «Alice im Wunderland» mehr oder weniger angenehme Kindheitserinnerungen verbinden. Wer Glück hatte, konnte sich das Stück vom Theatersessel aus anschauen. Andere begnügten sich mit dem Zeichentrickfilm, den der heimische Röhrenfernseher in die abgedunkelte Stube projizierte und der für heutige Verhältnisse geradezu im Stile naiver Kunst angefertigt wurde. Doch abgesehen davon: Wer weiss noch, um was sich die Geschichte dreht? Mehr als ein paar Schlaglichter konnten die wenigsten der von unserem Reporter befragten Leute auf das Werk von Lewis Caroll werfen.

von Reto Zanettin

Erst der Flyer, der das Theaterstück «Meine Schwester Alice» vom 9. und 10. April auf der Bühne im Kulturmarkt Zürich ankündigte, lockte die Bilder von damals aus der Komfortzone der Hinterköpfe von so manchem Besucher, mancher Besucherin hervor. Lob und Dank gehen an dieser Stelle an Werner Holtmann, unseren Grafiker, der den Flyer gestaltete.

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Alice in guter Teegesellschaft – aufgenommen mit wiedergefundenem Smartphone

Genau! Das Kaninchen! «Es trägt stets eine Uhr und klagt, es hätte doch keine Zeit, käme zu spät», spricht es aus dem breiten Lachen einer Zuschauerin. Richtig! Diesem Kaninchen folgte Alice, zwängte sich seinen Bau und landete vor den Toren des Wunderlandes. Jetzt erst kommt die Geschichte ins Rollen – und aus den Befragten sprudelte es wie aus einer unversiegbaren Quelle: Alice! Die schrumpfe doch, nachdem von jenem Trunk gekostet hatte. Und dann begegnete sie der Katze, die laufend grinst, verschwindet und wieder auftaucht. Und … wie? Ein paar Bilder würden Ihrem Erinnerungsvermögen noch besser auf die Sprünge helfen als eine nackte Beschreibung? Geplant war sie ja, die Bildstrecke zum Durchklicken. Aber das Schicksal respektive die Theatertribüne machte diesem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung. Fünf Minuten vor Beginn des Stücks «Meine Schwester Alice» purzelte das Smartphone unseres Reporters aus dessen Jackentasche unter die Theatertribüne des Kulturmarkts. So ist es heutzutage: ohne Smartphone keine Fotos. Und ohne Fotos keine Bildstrecke zum Durchklicken. Zum Glück hatte Kathrine Ramseiner, die Inszenatorin, eine Pause eingeplant. Wie Alice dem Kaninchen in seinen Bau folgt, tauchte unser Reporter unter die Tribüne, um sein Smartphone zu bergen – und gleich anschliessend ein Highlight dieses Theaterabends in einem Video einzufangen: die verrückte Teegesellschaft. In den Hauptrollen: Alice, der verrückte Hutmacher, der Märzhase und die Grinsekatze. Ausserdem erscheint der von allen gefürchtete Diabolo in zweifacher Ausführung, einmal in Lebensgrösse und einmal in den Ausmassen einer Eidechse. Sehen sie selbst:

https://youtu.be/7SfWT3Gom1c

 

Kopf ab, besonders der von Alice! Und jener ihres Bruders gleich auch!

Übrigens: Die Figur mit der weiss-schwarz gemusterten Mütze und grauem Kittel heisst Charles. Er ist der Bruder von Alice, sie also seine Schwester, womit der Titel des Stücks «Meine Schwester Alice» schon beinahe erklärt ist. Zu wissen gibt es nun noch, dass Charles seiner Schwester in den Kaninchenbau und das Wunderland folgt. Gottlob tut er das! Denn gegen Ende des Stücks kommt es zum Treffen mit der Herzkönigin und ihrem Gatten, dem Herzkönig. Sie skandiert, man möge doch jemandem den Kopf abschlagen. Das sei die einzige Strafe, die es in ihrem Reich zu verhängen gebe. Zumindest insofern erreicht Alice zum richtigen Zeitpunkt das Schloss der Herzkönigin – und wird schliesslich vor Gericht gestellt, weil sie, so die Anklage, Schlimmes im Wunderland angerichtet habe. Das Haus des Hasen etwa habe sie zum Einsturz gebracht und viele der seltsamen Wunderlandbewohner, inklusive der Herzkönigin, in Aufruhr versetzt. Kopf ab, also! Der von Alice – und jener ihres Bruders gleich auch. Doch die beiden entkommen, nachdem Alice den eidechsengrossen Diabolo wieder auf Normalgrösse zoomt und für Chaos im Gerichtssaal sorgt. Ende gut, alles gut? Ziehen wir Bilanz! Ein verschwundenes Smartphone fand zurück zu seinem Besitzer. Charles und seine Schwester Alice wurden verurteilt, sind aber entkommen und wohlbehalten aus dem Kaninchenbau gestiegen. Und die vergessen geglaubten Kindheitserinnerungen sind wieder ins Bewusstsein von so manchem Zuschauer, so mancher Zuschauerin aufgestiegen.

Zudem können sich die 60 Kinder der Musikschule Konservatorium Zürich einen Stern auf dem «Walk of Fame» des Kulturmarktes setzen lassen.* Sie haben ihre schauspielerische Fertigkeit unter der Leitung von Kathrine Ramseier zur Freude aller Besucherinnen und Besucher zum Tragen gebracht.


*Der «Walk of Fame» des Kulturmarktes befindet sich im zweiten Stock des Hauses an der Aemtlerstrasse 23. Im Büro der Marketingkommunikation werden die Plakate und Flyer vergangener Veranstaltungen aufbewahrt. Dies, um die grossartigen Erlebnisse, die Stunden der Muse und der Faszination gegenwärtig zu halten.