Herr Sauter ist zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Weil das alleine keinen Spass macht, gesellt sich der HR-Fachmann Muratti zu ihm.

Text und Bild David Marti

«Guten Tag Herr Sauter, gehen wir gleich in mein Büro. Freut mich Sie kennenzulernen, Herr Sauter. Muratti mein Name, Human Resources von Industry Vision, bitte nehmen Sie Platz. Ich sehe, Sie haben eine grosse Tasche bei sich. Erste Frage: Was halten Sie von Cloud Computing?»
«Ähh, nun, eigentlich habe ich nur einige Anziehsachen …»
«Vorzugsweise nehmen Sie also auf dem rechten Sessel Platz, welche Emotionen bezwecken Sie damit bei mir auszulösen oder welche Taktik bzw. Strategie haben Sie bei der Fällung ihres Entscheides berücksichtigt?»
«Im Grunde genommen wollte ich …»
«Wissen Sie den Unterschied zwischen Taktik und Strategie?»
«Eigentlich wollte ich mich für die Stelle als Hauswart bewerben …»
«… in ihrer Bewerbung steht sind flexibel. Was verstehen Sie unter flexibel, Herr Sauter?»
«Strategie ist die grob definierte Vorgehensweise zur Erreichung der strategischen Ziele, die durch Taktik detailliert …»
«Wenn ich Ihnen den Auftrag erteile 200 Personen zu entlassen, welche taktische Massnahmen setzen Sie um, ohne die top ten Wahrnehmungsgrössen unser relevantesten Stakeholder zu vernachlässigen, mit Einhaltung der Corporate Identity und natürlich mit Blick auf die künftige Corporate Governance, die wie Sie ja bestimmt wissen, bald angepasst wird und die in einem 20-seitigen Entwurf vor Ihnen liegt – Sie haben 10 Minuten!»

10 Minuten später.

«So wie ich hier sehe, halten Sie nicht viel vom Kommunikationsmodell von Bruce H. Westley und Malcolm S. MacLean, der hatte übrigens einen Hund. Mögen Sie Hunde Herr Sauter?»
«Ich habe eine Katze zuhause.»
«Katzen mögen wir hier bei Industry Vision nicht. Katzen sind eigensinnig und unberechenbar. Wir mögen Hunde, folgsam bis zum Untergang, unterwürfig folgen Sie dem Leithund.»
«Als Kind hatten wir einen Hund, einen Berner Sennenhund, der immerzu …»
«Was für einen Wagen fahren Sie, Herr Sauter?»
«Äh, nun, ich … lustig, dass Sie das ansprechen, ich versuche gerade meinen Audi zu verkaufen und nutze den ÖV, weil … »
«Ich fahre einen Audi. Unser CEO, Herr Brechtner, übrigens auch. Wieso sind Sie unzufrieden mit der Marke, Herr Sauter? Ich bin sehr zufrieden mit dem Auto und so weit ich weiss, ist auch CEO Brechtner sehr zufrieden mit dem Auto. Haben Sie einen drei- oder einen fünftürigen Audi? Mein Sohn fährt übrigens auch schon mit meinem Auto und ist sehr zufrieden damit. Mit unserem Sohn sind wir übrigens auch sehr zufrieden. Mit Bestnoten ausgezeichnet. Also, wie viel?»
«3.»
«Söhne oder Notendurchschnitt?»
«Nein, Türen.»
«Nach Türen habe ich sie gar nicht gefragt. In ihrem Lebenslauf steht sie hätten eine schnelle Auffassungsgabe, wenn das offensichtlich nicht stimmt, wieso sollten wir sie dann nehmen?»
«Ich bin fleissig, effizient, bin selbstständiges Arbeit gewohnt …»
«Womit wir wieder bei den Katzen wären, Herr Sauter. Wenn Sie die freie Wahl hätten: Wären Sie lieber die Kupferkuppel auf dem St. Petersdom, ein Satellit  oder das Gewissen von Mahatma Ghandi?»
«Wie bitte?»
«Die richtige Antwort wäre Satellit gewesen. Die Kuppel auf dem St. Petersdom ist nicht aus Kupfer, sollte man wissen. Mahatma Ghandi ist tot, sollte man wissen. Als Satellit hat man den Überblick und kreist ständig ums Geschehen – Jetzt hätten Sie mich fragen sollen, welchen Satelliten ich meine: das astronomische Objekt oder den künstlichen Raumflugkörper, ferner ob zu militärischem oder wissenschaftlichem Zweck. Waren Sie im Militär, Herr Sauter?»
«Zivilschutz.»
«Dienstverweigerer, hat man früher gesagt, Herr Sauter. Ich war Hauptmann. Dienst am Vaterland: NEF, Herr Sauter, NEF. Das verstehen Sie jetzt nicht als Zivildienstler.»
«…»
«Ist Ihr Schweigen ein bewusstes, eine pointierte Semiotik des Schweigens? Oder ein zögerliches? Apropos, wieso sind Sie eigentlich noch nicht verheiratet? Fällt es Ihnen schwer sich zu binden. Sie müssen wissen, wir von der Industry Vision sind wie eine grosse Familie. Wir setzen auf Treue und langjährige Verbundenheit, bis dass der Tod uns scheidet sozusagen, hehehe, kleiner Scherz… Betriebsunfälle gibt’s aber hin und wieder… Sie haben sicher in der Zeitung davon gelesen … Also wir melden uns bei Ihnen. Und denken Sie daran, nächstes Mal, falls es ein nächstes Mal gibt, parkieren Sie nicht mehr auf den Kundenparkplätzen, sondern auf denjenigen für Besucher.»
«Eigentlich bin ich mit dem ÖV …»
«… Adieu Herr Sauter, und schicken Sie mir den nächsten Bewerber rein, ja?»