Eine Geschichte. Ist sie wahr? Wer weiss. Ist sie geschrieben? Ja, schwarz auf weiss. Ist sie gut? Zumindest mit endlichem Ende.

Text und Bild: David Marti

Frau Baumgartner

Unvorstellbar. Wie beginne ich, bevor ich beginne? Was hilft, wenn nichts mehr hilft? Alle Neuro-Enhancer eingeschmissen, runtergespült mit Spiritus, Art «White Russian»?

Nein, ich dumme, angepasste Kuh. Nüchtern an ein Herzrasen machendes, Schweisstsunami auslösendes, Sägespäne-im-Mundraum-ausbreitendes- Bewerbungsgespräch. Vorstellungsgespräch. Ausstellungsgespräch. Unterstellungsgespräch. Demutsgespräch. Entwürdigungsgespräch. Seelischer Striptease. Nicht der schöne, zu sinnlicher Musik und Parfumduft. Nun gut, ich beruhige mich. Zum Glück bin ich ein stresserprobtes Grossstadtkind. Zudem hatte ich eine wohlumsorgte Kindheit. Meine Mutter hat immer gesagt: «Sei so, wie du bist, dann mögen dich die Leute.» Heute weiss ich: Bullshit, Mama, das war totale Zuckerwattenrosablümchenwelpenaugensüsstraum-Weltanschauung. Und wahrscheinlich war Mama auf gut konserviertem Stoff der 68er-Bewegung. Hätte ich doch auch sowas eingeworfen oder weggedampft oder und so weiter, denn ich muss meine Gedanken sortieren … Ein Mensch, der will was von mir. Und spricht:

«…orgen Frau Baumgartner, haben Sie’s gefunden?»
«Guten Morgen, Frau Unterwieser, sehr gut, heutzutage gar kein Problem mehr.»
«In der Tat, totale Vernetzung, überall. Bitte nehmen Sie Platz. Erzählen Sie kurz was über sich, bitte. Es stört Sie hoffentlich nicht, dass die Videokamera läuft? Keine Angst, die Aufzeichnung wird vertraulich behandelt und dient lediglich der genaueren Dokumentation unserer Bewerbungskandidatenprofile.»
«Natürlich. Also, ich habe vorher bei der Firma  …»

Frau Unterwieser

Uff, noch zwei Kandidaten, dann Kalbspaillard mit Kräuterbutter, Frühlingsgemüse und Bratkartoffeln. Hoffentlich geht der persönliche Assistent von Gruber heute nicht ins Personalrestaurant. Ich meine – gut, anfangs war’s noch immens spannend. Immerzu hat er Klatschgeschichten erzählt. Die neuesten Insider über den Gruber gewusst. Ha! Hat der doch tatsächlich was mit der Neuen anfangen wollen. Versuchte es erst auf der kollegialen Ebene, dann immer mehr freundschaftlich von wegen so: Kommst du auch noch eins trinken nach dem Meeting, wir haben noch gar nicht auf deine Anstellung angestossen. Zumindest hat es der Assistent so erzählt und dann noch weiter getratscht. Am Schluss spielte er die Machtkarte aus. Ich öffne dir alle Türen und so. Komm heute nach dem Meeting mit mir noch eins trinken. Ich erzähl dir dann wie das so läuft bei uns. Und dann: Klatsch! Klatsch, nicht vom Assistenten, sondern von der Neuen-Hand auf des Alten-Backe. Klatsch mit grossem Echo. Tränen von der Neuen. Stechschritte von der Neuen. Roter Kopf von Gruber. Reibende Gruber-Hand auf geprellter Gruber-Backe.

«blabla… Neuorientierung.» Neuorientierung? Moment, da muss ich ran. «Genau, Frau Baumgartner. Sie wissen ja, wie in unserer Stellenausschreibung geschrieben steht, sind uns folgende Punkte wichtig: Erstens …»

Frau Baumgartner

Uff. Erste Hürde sachlich genommen. Ob sich der Besuch im Personalrestaurant lohnt? Hoffentlich kommen meine Bauchschmerzen nicht wieder zurück. Die Lage ist zunehmend ernst. Casino in Baden – gesperrt. Swiss Casino Pfäffikon-Zürichsee – gesperrt. Swiss Casino Lugano – gesperrt. Zürich, Genf, Basel sowieso. Bleibt nur der Online-Wettanbieter, aber: Kreditkarte gesperrt. Privatkonkurs, hat Nadja geraten. Pffff. Nie mehr einer Freundin die finanzielle Situation erklären. Sie hätte mir aber auch einfach die verlangten 20‘000.– geben können. So wie Eddie, Monika, Esther und Jonas. Irgendwann bekommen die ihre Kohle zurück. Wenn es mal läuft – dann läuft es. Dingdingding – an den Automaten ein paar Hunnis, Zack-chlepf – Black Jack 5000 Hebel,  Tacktacktack – Roulette 15 Mill gewonnen – Easy. Zuerst allerdings, brauche ich diesen Job.

«Blabla… 150 Millionen Umsatz …» 150 Millionen? Halt, die hol ich mir. «Als diplomierte Controllerin mit langjähriger Erfahrung weiss ich …»

Frau Unterwieser

Wenn also der Gruber nicht bald aufpasst, ist der bald weg. Noch ist die Geschichte mit der Neuen nicht bis in die Chefetage gefahren, aber das Plappermaul von einem Assistenten sorgt bestimmt bald für Hörigkeit in den gedämpften Räumlichkeiten des CEOs. Obwohl, die sind ja derzeit am Ausmisten der Buchhaltung. Was haben sich die Buchhalter in den letzten Jahren bedient. Mit Füllhörnern sind sie wöchentlich rausspaziert. Immer gieriger. Nur durch Zufall wurde es entdeckt. Ein Praktikant, ausgerechnet. Er bemerkte viele fehlende Belege, Buchungen an Feiertagen und andere Betrugs-Anzeichen und wandte sich, als alle in der Buchhaltung schwiegen und ihn denunzierten, an Gruber. Dieser nahm die Ungereimtheiten in der Buchhaltung als Gottesgeschenk, um von seiner Schande abzulenken. Sofort nahm er die Sache in die Hand und deckte auf, klärte auf, zeigte an, plusterte auf. Und wie er sich aufplusterte, so stark, dass die ganz oben ihn ermahnen mussten, denn schliesslich sollte das Ganze nicht nach aussen dringen, was natürlich nicht gelang.
Also der Gruber, der muss sich hüten. Die Sache mit der Buchhaltung wird ja bald abgeschlossen sein. Dann wackelt der Stuhl, sowas von. Ikea-mässig mit fehlenden Schrauben. Die Stützen sind angesägt. Ich sorge schon dafür, dass die letzten Schrauben fallen, die Stützen brechen. Gruber auf seinen Hintern oder vornüber auf die Fresse fällt und nicht wieder aufsteht, nicht in dieser Firma. Wenn er dann weg ist, bin ich Thronfolgerin. Ein Kinderspiel jetzt, da die Ohrfeigen-Genugtuung für Nadja Kreska verebbt ist und sie mir ihren Racheplan unterbreitet hat.

«… nicht nur weil meine Freundin Nadja in der Buchhaltung arbeitet, klar, wusste ich deswegen viel eher von der freien Stelle …»
«Nadja Kreska?»
«Ja. Sie kennen ihren Plan, Frau Unterwieser?»
«Und ob. Liebe Frau Baumgartner, ich glaube mit ihrem persönlichen Wissen über Nadja Kreskas Angelegenheiten sind Sie überaus wertvoll für die Belange unserer Firma. Ich bin übrigens Barbara»