Mal kurz im Archiv gewühlt…

>>Mal kurz im Archiv gewühlt…

Mal kurz im Archiv gewühlt…

Neulich hat mir meine Vorgesetzte Eva empfohlen, für Bilder aus der Vergangenheit des Kulturmarkts das Archiv zu durchstöbern.  Wie ihr das bestimmt von zuhause her kennt, nimmt das meist viel mehr Zeit in Anspruch als man dafür eingeplant hat, schon fast vergessene Fotoalben und interessante Dokumente fallen einem in die Hände… kurz gesagt, man schwelgt in schönen Erinnerungen und die Zeit vergeht wie im Fluge und schlussendlich fallen einem Dinge in die Hände, nach welchen man eigentlich gar nicht gesucht hat. Ähnlich ist es auch mir ergangen und so hat sich aus dem «Mal kurz im Archiv gewühlt» ein «Im Archiv versunken“ ergeben.

Von Daniel Schmid

Da ich das erste Mal für den Kulturmarkt arbeite, verfüge ich über keine Erinnerungen aus früheren Zeiten, in welchen ich beim Durchforsten hätte schwelgen können, viele interessante Dokumente aus den Anfängen des Kulturmarkts sind mir aber dennoch in die Hände gefallen. Ich denke hierbei zum Beispiel an nachfolgenden Bericht  über das Pilotprojekt aus dem Jahre 1994, aus dem der Kulturmarkt entstanden ist.


Die Anfänge

Ich kann mich noch gut an dieses Jahr erinnern…. Nelson Mandela wurde zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt, Brasilien gewann die Fussballweltmeisterschaften in den USA, und ich musste mir erste Gedanken über meine berufliche Zukunft machen… Und genau zu dieser Zeit wurde auch das erste Mal über ein Projekt mit jungen Arbeitslosen diskutiert, vor dem Hintergrund, dass zu Beginn der 90er Jahre immer mehr junge Menschen von Sparmassnahmen, Restrukturierungen und Konkursen betroffen waren. Beim Projekt sollte es sich deshalb um ein Beschäftigungsprogramm für bis zu 50  junge Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren handeln, die seit mindestens 2 Monaten eine Stelle suchten, vom Arbeitsamt zur Teilnahme empfohlen wurden und der deutschen Sprache mächtig waren.
Richtig gelesen! Damals durften sich wirklich nur Menschen zwischen 18 und 30 für das Programm bewerben. Na zum Glück wird das heute nicht mehr so gehandhabt!


Was w
urde damit bezweckt?

So wie heute, gehörte auch damals die erhöhte Vermittelbarkeit  der Teilnehmenden auf dem Arbeitsmarkt durch gezielte Förderung von deren Qualifikationen zum Hauptziel. Das Projekt sollte den Erwerbslosen die Möglichkeit bieten, sich mit den persönlichen Stärken und Schwächen, der Flexibilität, dem Teamverhalten und der eigenen Belastbarkeit auseinanderzusetzen, Fähigkeiten in Führung, Kommunikation und Konfliktbewältigung zu erwerben und gleichzeitig die beruflichen Hard Skills zu vertiefen und das Selbstwertgefühl zu stärken.


Das Pilotprojekt wird ermöglicht

Auch wenn das Projekt rein gar nichts mit Religion zu tun hatte, wurde das Pilotprojekt im Oktober des besagten Jahres unter dem Namen «Regionaler Ausschuss Ten Sing», kurz RATS, durch den CEVI Bund (Deutschschweizer Bund der Christlichen Vereine Junger Männer und Frauen) in Partnerschaft mit der Evangelisch-Reformierten Landeskirche des Kantons Zürich mit finanzieller Unterstützung des BIGA (heute SECO = Staatssekretariat für Wirtschaft) ins Leben gerufen. Vielen Dank dafür!


Der Weg zum Ziel

Der Höhepunkt für alle TeilnehmerInnen war die Aufführung eines Musicals, das auf einer Tournee durch 11 Städte (Luzern, Biel, Bern, Solothurn, Interlaken, Chur, Dübendorf, Baden, Zürich, Basel und St. Gallen) gezeigt wurde. Das Musical wurde selbständig von den Teilnehmenden entworfen, einstudiert und auch vermarktet. Sie mussten sich dadurch in unzähligen realen Situationen behaupten und konnten somit das Erlernte gleich in die Tat umsetzen. Im Gegensatz zu heute, füllten den grössten Teil des Beschäftigungsprogramms neben den Projektarbeiten, die musisch-kreativen Arbeiten für die Aufführung und die Tournee selbst aus. Nebenbei wurden die Teilnehmenden in Begleitkursen geschult und in ihren Bemühungen um eine neue Anstellung oder im Prüfen von neuen beruflichen Ausrichtungen gefördert. Für persönliche Probleme stand während des ganzen Projektes eine psychologische Beratung zur Verfügung.


In Projektgruppen das gemeinsame Ziel erreichen

Ihr wisst ja, gegenwärtig werden die Fähigkeiten der Teilnehmenden im Kulturmarkt in den Bereichen Marketingkommunikation, Veranstaltungen, visuelle Gestaltung, Gastronomie, Sekretariat und Kulturschaffende gefördert.

Zur Vermarktung des Musicals lernten die TeilnehmerInnen damals in den Projektgruppen Tour-Management, Marketing/Werbung, Sponsoring, Bühnentechnik, Animation, Medienarbeit, Fotografie und Video ihre beruflichen Qualifikationen einzusetzen und zu erweitern, um damit das gemeinsame Ziel, die Aufführung des Musicals zu ermöglichen.


Wie damals so auch heute noch

Diejenigen unter euch, welche im Kulturmarkt gearbeitet haben, haben sicher auch mehrere Weiterbildungskurse im Kulturmarkt besuchen dürfen. Mir ist aufgefallen, dass einige dieser Kurse aus dem damaligen Pilotprojekt auch heute noch angeboten werden. Wem sind folgende Kurse beim Durchblättern des Angebots nicht auch schon aufgefallen? Kommunikation, Projektmanagement, Bewerbungswerkstatt, Reden und Präsentieren oder Training Vorstellungsgespräch. Im Gegensatz dazu konnte man in der Vergangenheit auch Kurse in Projektmarketing, Konfliktlösungsstrategien, Zusammenarbeit, Zukunftsplanung, Umgang mit Stress oder Zeitmanagement besuchen.


So viele InteressentenInnen!

Unglaublich! Nach dem Ausschreiben des Programms sollen sich weit über 400 erwerbslose Personen aus der ganzen Schweiz für eine Mitarbeit interessiert haben. Wow! Welch grosser Bewerbungspool aus dem das RATS da schöpfen konnte! Weit gefehlt! Es musste um jeden Teilnehmer hart gekämpft werden. Denn die kantonalen Arbeitsämter misstrauten der musisch-kreativen Methode des Projekts und verweigerten manchen Interessenten die Teilnahme. Schliesslich konnte das erste Jahr doch noch mit einer Gruppe von 42 TeilnehmerInnen in Angriff genommen werden.


Wär hätte das gedacht!?

Was mich selbst überrascht hat und auch viele von Euch überraschen mag, ist die Tatsache, dass das Projekt damals nicht hier im Zwinglihaus in Zürich-Wiedikon realisiert wurde, sondern ursprünglich im Kurheim Christona in Kastanienbaum (Gemeinde Horw, Kanton Luzern), einem kleinen Ort direkt am Vierwaldstättersee gelegen. Es würde mich nicht wundern, wenn da an einem schwülen Sommertag die eine oder andere Probe sprichwörtlich ins Wasser gefallen war und so manche Party im See geendet hatte, bedenkt man, dass damals alle 42 TeilnehmerInnen in einem 5-Tage-Internat zusammenlebten, damit gleichzeitig auch die zwischenmenschlichen Fähigkeiten geschult wurden.


Statistisch Interessantes von damals

Ich muss zugeben, Statistiken faszinieren mich immer wieder von neuem, so auch in diesem Fall. Während des ganzen Pilotprojekts hatten 37 Frauen und 23 Männer am Pilotprojekt teilgenommen. Das Durchschnittsalter lag bei 26,5 Jahren. Die Mehrheit der TeilnehmerInnen stellte der Kanton Zürich mit 31 Personen, gefolgt von den Kantonen Luzern mit 10 Personen, Bern mit 9 Personen und Basel Stadt mit 3 Personen. Jeweils eine Person stammte  aus den Kantonen Appenzell Ausserrhoden, Freiburg, Nidwalden, Solothurn und St. Gallen. Gibts das denn! Keine einzige Person aus meinem Heimatkanton Graubünden!?

Ja und es gab sogar 7 TeilnehmerInnen, die noch keinen Beruf erlernt hatten, 47 Personen brachten immerhin einen Lehrabschluss mit, 3 absolvierten eine andere Ausbildung und ebenfalls 3 TeilnehmerInnen konnten einen Universitätsabschluss vorweisen.


Das Schlussergebnis

Ein Lehrer hat mir mal gesagt, «Traue keiner Statistik die Du nicht selbst gefälscht hast!» Ich gehe jetzt einmal schwer davon aus, dass hierbei alles mit rechten Dingen zu und her ging! Denn interessant und zugleich motivierend ist die Tatsache, dass sich 40 der 60 TeilnehmerInnen beruflich neu orientieren wollten und immerhin fast die Hälfte der sich neu orientierenden Personen in ihrer Zielbranche fündig wurden. Zudem lag die Vermittlungsquote ein halbes Jahr nach Projektende bei 60%. Werden Praktika, Aus- und Weiterbildung dazugezählt, lag die Zahl der Arbeitenden bei unglaublichen 75%!


Die Neuauflage des Projekts

Zum Glück für uns alle wurde per 1. Mai 1996 eine Neuauflage des Projekts angestrebt, wobei auf den Internatsbetrieb verzichtet wurde. Im Vordergrund stand die Suche nach einem neuen Ort, bevorzugt ein Industriebau. Ein Industriebau wurde nicht gefunden, dafür etwas viel Passenderes!

 

 

 

 

 

2018-04-30T11:18:07+00:00

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